Institut für Deutsche Geschichte (Universität Tel Aviv)

Am 21. Oktober 1971 wurde das Institut für Deutsche Geschichte eingeweiht. Es war die erste Einrichtung dieser Art in der israelischen Wissenschaftslandschaft, an der man sich ausschließlich dem Studium der Deutschen Geschichte widmete.

Die Gründung des Instituts wurde durch eine Anschubsfinanzierung der VolkswagenStiftung ermöglicht. Schon kurz nach seiner Etablierung fand sich eine Reihe von deutschen Unterstützern, u.a. bekannte Wissenschaftler wie Professor Georg Eckert aus Braunschweig, die sich zur Förderung des Instituts für bilaterale Kooperationsprojekte mit wissenschaftlichen Einrichtungen und Universitäten in Deutschland einsetzten.

Die Initiative für das Institut wie auch seine Planung und Errichtung gingen auf das Engagement von Walter Grab (1919-2000) zurück, einen österreichisch-jüdischen Historiker, der nach dem Anschluss Österreichs im März 1938 mit einer Familie aus Wien geflohen war. Grab leitete das Institut seit seiner Gründung im Jahr 1971 bis 1985. Er war 1969 mit dem Einverständnis des Leiters des Departments für Geschichte, Zvi Yavetz, und des Rektors der Universität, André de Vries nach Deutschland gereist, um Kontakte mit der DFG und der VolkswagenStiftung in Hannover aufzunehmen. In dem Exposé, das er für diese Gespräche vorbereitet hatte, kommt zum Ausdruck, dass Grab potentielle Förderer davon überzeugen wollte, dass es sinnvoll sei, die Gruppe der an der Universität Tel Aviv bereits zu verschiedenen Themen der deutschen Geschichte lehrenden Professoren zusammenzubringen. Grab war der Meinung, dass mit der Errichtung eines Forschungszentrums die wissenschaftliche Forschung sowie neue Kooperationen gefördert würden. Seine Hoffnungen sollten in Erfüllung gehen – im Oktober 1970 teilte die VolkswagenStiftung mit, dass sie bereit sei, die Errichtung und den Aufbau des Forschungszentrums für fünf Jahre zu finanzieren. Nach dem Ablauf dieser Zeit nahm Grab Kontakt mit dem BMFT und der Minerva Stiftung auf und beantragte eine weitere Förderung des Instituts. Seit 2004 trägt das Institut seinen heutigen Namen: Minerva Institut für Deutsche Geschichte. Die Verwaltung der Universität Tel Aviv war sehr erfreut über die Gründung des Instituts und sah darin die Möglichkeit, sich als innovative Institution von der alteingesessenen Hebräischen Universität abzusetzen – dort wurde erst am Ende des Jahrzehnts ein Lehrtstuhl für Deutsche Geschichte errichtet.

Als wesentliche Aufgaben des Instituts (von denen die meisten auch heute noch gültig sind) nannte Grab bei der Eröffnungszeremonie: Förderung von Forschungsprojekten der Fellows; Gastgeber für deutsche Gastprofessoren, die in das Lehrprogramm eingebunden werden sollten; Unterstützung von Forschungsreisen von Doktoranden nach Deutschland; Errichtung einer Bibliothek und eines Jahrbuchs (Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte). In der Zeit Grabs (1971-1985) wurden am Zentrum Forschungen zu frühen demokratischen Traditionen in Deutschland, zur Geschichte der Arbeiterbewegung und Gewerkschaften, zu deutscher Politik im Nahen Osten und zu den deutsch-jüdischen Beziehungen durchgeführt. Shulamit Volkov, die Nachfolgerin Grabs, traf auf eine neue Generation von Studierenden und lenkte den Fokus der Forschungen des Instituts auf die Sozial- und Kulturgeschichte des Wilhelminischen Deutschland. Die nachfolgenden Direktoren – Dan Diner, Moshe Zuckermann, Jose Brunner und Galili Shahar – haben den akademischen Schwerpunkt jeweils in Korrespondenz mit aktuellen historiographischen Themen sowie den sich wandelnden Tendenzen innerhalb der israelischen Öffentlichkeit sowie der internationalen akademischen Community geändert.

Literatur:

Iris Nachum, “Es muss nicht immer Wiedergutmachung sein – Walter Grab und das Minerva Institut für deutsche Geschichte an der Universität Tel Aviv”, in Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte 40 (2012), 237–275.

Walter Grab, Meine vier Leben: Gedächtniskünstler. Emigrant. Jakobinerforscher. Demokrat (Papyrossa, 1999).

Reden und Ansprachen zur Eröffnung des Instituts für Deutsche Geschichte an der Universität Tel Aviv, 20. Oktober 1971 (Tel Aviv: Tel-Aviv University – Institute for German History, 1972).

     

Walter Grab

Der Historiker Walter Grab von der Universität Tel Aviv war ein Spezialist in neuerer deutscher und zentraleuropäischer Geschichte sowie Gründer des Instituts für Deutsche Geschichte, das er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1985 auch leitete. Er wurde 1919 in eine jüdische bürgerliche Familie in Wien geboren, wo er seine Kindheit und Jugend verbrachte. Im Alter von 18 Jahren war Grab infolge des “Anschlusses” Österreichs dazu gezwungen sein Jurastudium zu aufzugeben und floh vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Seine Familie fand in Palästina Zuflucht und ließ sich in Tel Aviv nieder. Nichtsdestotrotz hat Grab nie die Sphäre der deutschen Kultur verlassen, in der er tief verwurzelt war; er blieb seiner Muttersprache sowie dem mitteleuropäischen Benehmen und Habitus treu und betonte wiederholt, dass er “nicht aus Zionismus, sondern aus Österreich nach Palästina gekommen sei”. Und in der Tat waren und blieben seine Beziehungen zum Palästina der Mandatszeit sowie später zum Staat Israel ambivalent. Während seines ganzen Lebens verblieb er in der Rolle des Fremden. Als Marxist lehnte er die Übernahme einer nationalen Ideologie ab und kritisierte desöfteren zionistische Institutionen, die israelische Politik in den besetzten Gebieten sowie die Beziehungen Israels zu seinen Nachbarländern.

Nach seiner Ankunft in Palästina hatte Grab sich zu einem B.A. Studium in Geschichte und Englischer Literatur an der Hebräischen Universität Jerusalem eingeschrieben. Schon bald musste er aber erneut seine Studien aufgeben, dieses Mal aufgrund der schwierigen finanziellen Situation seiner Familie. Grab half seinem Vater beim Aufbau einer Lederwerkstatt, die für die nächten 18 Jahre zur Hauptquelle seines Lebensunterhaltes werden sollte.

1942 trat Grab aus einem Gefühl der Verbundenheit mit der deutschen Kultur sowie aus dem Wunsch nach intellektuellem Austausch dem “Kreis für fortschrittliche Kultur” bei, einem literarischen Zirkel, der in den Jahren 1941-1946 Treffen in Tel Aviv abhielt. 1958, im Alter von 39 Jahren, kehrte Grab erneut zum Studium zurück und schrieb sich für einen Abschluss in Geschichte und Philosophie an der noch jungen Universität Tel Aviv ein, die erst zwei Jahre zuvor gegründet worden war. 1962 reiste Grab nach Hamburg, wo er bei Fritz Fischer promovierte. Als er drei Jahre später nach Tel Aviv zurückkehrte bot ihm die dortige Universität eine Position an, und Grab lehrte fortan neuere europäische Geschichte. Gegen Ende der 1960er Jahre begann Grab mit den Vorarbeiten für die Gründung des ersten israelischen Instituts zur Erforschung der deutschen Geschichte, das Forschungskooperationen zwischen deutschen und israelischen Wissenschaftlern initiieren sollte. Es sollte nicht lange dauern, bis Grabs Vision realisiert werden konnte: 1971 konnte das Forschungszentrum dank einer fünfjährigen Anschubsfinanzierung seitens der Volkswagenstiftung eingeweiht werden.

Grab hat in seiner Dissertation zu demokratischen Strömungen in Norddeutschland infolge der französischen Revolution gearbeitet. Während seiner gesamten akademischen Karriere faszinierten Grab die Einflüsse der Revolution auf die  verschiedenen politischen Bewegungen im Deutschland des 19. Jahrhunderts, ihre Helden und Anschauungen. Darüberhinaus widmete sich Grab insbesondere der Erforschung des Phänomens des deutschen Jakobinismus und wurde ein anerkannter Experte auf diesem Gebiet. Er ist mit grundlegenden Beiträgen zur Erfoschung der Begriffsgeschichte in der Periode der Aufklärung und Revolution im deutschen Raum hervorgetreten. Grab war es außerdem sehr wichtig, die politischen und revolutionären Elemente in den Werken deutscher Poeten und Dramaturgen des 18. und 19. Jahrhunderts ans Tageslicht zu bringen. Er erreichte schnell eine internationale Anerkennung, seine Arbeiten wurden in renommierten Zeitschriften veröffentlicht und weckten eine bemerkenswerte Aufmerksamkeit, vor allem in deutschen akademischen Kreisen. Über die Jahre baute Grab ein Netzwerk mit den führenden Experten in seinem Forschungsgebiet auf und initiierte vielfältige Forschungskooperationen, u.a. mit Wissenschaftlern aus Ostdeutschland.

Grab starb im Dezember 2000 in Tel Aviv und hinterliess eine etablierte einzigartige Forschungstradition.

Literatur:

Susanne Blumesberger, “Walter Grab”, Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft 18. bis 20. Jahrhundert, Bd. 1 (München: Saur, 2002), 3469.

Walter Grab, “Jessas der Herr Grab is zruckkumma!” – Ich stamme aus Wien. Lebenserinnerungen vertriebener Juden, Wiener Journal, December 2000, iv-vii.

Iris Nachum, “Es muss nicht immer Wiedergutmachung sein – Walter Grab und das Minerva Institut für deutsche Geschichte an der Universität Tel Aviv”, in Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte 40 (2012), 237-275.

Walter Grab, Meine vier Leben: Gedächtniskünstler. Emigrant. Jakobinerforscher. Demokrat (Papyrossa, 1999).